Im Gedenken an Joseph Weizenbaum

 

Am 5. März 2008, kurz nach seinem 85. Geburtstag, ist Joseph Weizenbaum in Berlin, seiner Geburtsstadt, gestorben. Er war in den letzten zwanzig Jahren immer wiederkehrender Gast an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Viele von uns haben ihn gut gekannt, geschätzt und geliebt.

 

Er war Pionier der sog. „Künstlichen Intelligenz“ und der Computerlinguistik. In der Zeit von 1964 - 1966 hat er das Programm „Eliza“ erstellt, mit dem – über eine Tastatur – Gespräche in englischer Sprache geführt werden können. Eliza kann Wortschätze verschiedener Fachbereiche benutzen; berühmt geworden ist die Version „Doctor“, die einen Psychotherapeuten imitiert. Manche dieser Gespräche waren verblüffend ähnlich der Kommunikation zwischen Menschen, andere wiederum enthüllend gegensätzlich. So hat z.B. der deutsche Psychologe, Achim Noschka, eine einzige Frage benötigt, um Eliza zu entlarven: „Are you an I?“ Die Antwort war – nicht überraschend für diejenigen, die Eliza kennen –: „Why do you think that I am a you?“ Weizenbaum wollte mit dem Programm die Grenzen der Mechanisierbarkeit des menschlichen Gesprächs abtasten – was ihm auch exzellent gelungen ist.

 

Aufgrund der übertriebenen Reaktionen, die dieses Experiment ausgelöst hat, ist er nachdenklich geworden. Insbesondere die Reaktionen mancher, die sich einen tatsächlichen Einsatz des Programms in der Psychotherapie überlegt hatten, haben ihn dazu gebracht, sich für zwei Jahre von „seiner“ Universität (Massachusetts Institute of Technology) zu beurlauben, um sein Buch „Computer Power and Human Reason“ („Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“) zu schreiben. Im Buch übte er radikale Kritik an der Überbewertung der Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz und an der „instrumentalen Vernunft“. Er hat damit eine der konstruktivsten Diskussionen über Gesellschaft und Automatisierung ausgelöst. Ihn hat dieses Thema nie mehr losgelassen und er hat sich in den letzten Jahrzehnten seines Lebens nur noch der Gesellschaftskritik gewidmet. Er hat sehr viel dazu beigetragen, dass ein Gespräch zwischen Technik und Nicht-Technik entstanden ist. Dadurch ist er Brückenbauer zwischen der Technischen- der Geistes- und der Sozialwissenschaften geworden.

 

Er war zum ersten Mal vor 18 Jahren Gast an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Das letzte Mal als Teilnehmer der Tagung „MEDICHI 2007“ (Methodic and Didactic Challenges of the History of Informatics). An der Konferenz haben auch viele Studierende der Informatik teilgenommen. Weizenbaum hat immer sehr gerne mit jungen Leuten diskutiert, und sie durch ungewöhnliche Fragen „provoziert“. Eine seiner „Lieblingsprovokationen“ war:

 

 „Wer glaubt, dass sich die Sonne um die Erde dreht, Hände hoch!“ – Niemand. „Na dann, wer glaubt, dass sich die Erde um die Sonne dreht, Hände hoch!“ – Alle heben die Hände. „Sehr gut. Dann beweisen Sie mir, dass das so ist!“ – Großes Schweigen.

 

Damit wurde plausibel gezeigt, wie dogmatisch unsere angeblich wissenschaftlich geprägten Auffassungen sind. Seinen „Keynote“-Vortrag im Rahmen der Tagung „MEDICHI“ hat er – wie immer – in einem voll besetzten Hörsaal gehalten. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Fachrichtungen und sehr viele Studierende aller Studienrichtungen wohnten seinem Vortrag bei. Er hat Weisheit, Güte und – vielleicht war das am meisten überraschend – Leidenschaft ausgestrahlt. Er suchte mit ewig jugendlicher Leidenschaft nach dem Sinn des Lebens und kämpfte nicht weniger leidenschaftlich gegen die Sinnlosigkeit.

 

Im Frühling 2006 war er auch in Klagenfurt und hat uns zu Hause besucht. Wir haben (gemeinsam mit meiner Frau) ein ungewöhnlich intensives und schönes Gespräch geführt. Er hat uns vieles über sein Leben und seine Erfahrungen erzählt und am Ende Folgendes gesagt (ungefähr, ich zitiere aus meiner Erinnerung): „Wisst ihr, wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann ergibt das alles einen Sinn. Das war früher nicht so und ich kann heute auch nicht sagen, worin dieser Sinn besteht. Aber es ergibt einen Sinn. Könnt Ihr das verstehen?“

 

Laszlo Böszörmenyi

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